Summer in the City

Summer in the City

Summer in the City

Nach einer erneuten Woche Ferien (schon wieder, ich weiss) in Malta („Wo ist der Bericht?“ fragt ihr euch, und ich mich auch) sind noch ein paar Moneten übrig und ich beschliesse, diese in der Schweiz auszugeben, wo ich ja schon lange mal hinwollte.

Von anderen Reisenden habe ich erfahren, dass man dieses kleine Land in der Mitte Europas locker in 2 Tagen „erledigen“ könne; es reichten nämlich 2 Tage Zürich, um einen vollständigen Eindruck von Käse, Schokolade, Uhren und Banken zu erhalten (weshalb ich auch gar nicht mehr eingeplant habe). Was die Restschweiz betrifft, so halte ich mich an den Lieblingsausspruch meines Transatlantik-Skippers: „Why bother to stop (t)here? There’s nothing to see!“; womit er natürlich immer vollkommen richtig lag, ich schwör’s, beim Barte vom SVP-Zottel) .

Ich fliege also mit meiner Ferienbekanntschaft (im folgenden „D.“ genannt) am 3. Juli mit Air Malta zurück in die  CH. Das ist sehr praktisch, denn D. hat mir gleich ihre Couch (zwecks Übernachtung) angeboten, was ich natürlich nicht ablehnen konnte. Auch wohnt sie in einem sehr trendigen Viertel, nahe dem Zentrum und der Limmat, und hat sich zudem bereit erklärt, mir ihr Vélo (= Fahrhrad, für unsere deutschsprachigen Leser) zu leihen, womit ich enorm viel Zeit und teures Geld sparen kann. Alles super Gründe, bei ihr zu Hause einzuchecken anstatt im Zürich Backpackers oder in der Zürcher Jugendherberge, wie ich das zuerst geplant hatte!

125

Züri West

Und „so möchemrs“, nach einem fantastischen Flug über die wolkenlosen Alpen (und munterem Ratespiel „Was ist was? Was ist wo? Wer ist wie? Wem ist wen?“) landen wir am späten Nachmittag im Ex-Unique-Airport und ich darf schon mal mein Portemonnaie zücken und knapp 7 Fränkli in die Billetmaschine einwerfen, weil ich a) erwachsen und b) ohne Abo und c) bis Wipkingen fahren will. 15 Minuten später stehen wir in D’s Wohnung, c’est fantastique, wenn ich eine Wohnung in Zürich hätte, dann müsste sie genau so aussehen! Wir beschliessen den Abend mit einem Bierchen/Gespritzten und bombastischen „Pommes Alumettes“ als Apéritif im kürzlich eröffneten „Chez les Amis“ (oder so ähnlich) an der Nordstrasse und werfen im Anschluss noch eine Flying Pizza als Znacht hinterher (Wahlspruch: „Lokales Gewerbe unterstützen!“).

Am nächsten Tag muss D. zur Arbeit, aber sie überlässt mir freundlicherweise einen Schlüssel zur Wohnung. Diese Couchsurfing-Hosts sind oft wirklich extrem freundlich und hilfsbereit, das muss hier einfach wieder einmal gesagt werden!

Mit dem von ihr geliehenen Radl widme ich den Montagnachmittag einer Velotour durch Züri West, dem schon nicht mehr so neuen, aber immer noch recht hippen Viertel Zürichs. Wie sich zeigt, gibt es hier auch viele junge Familien, z.B. diejenige von T., J. und L., die sich erst kürzlich eine Wohnung in einem der begehrten „Limmatwest„-Häusern gesichert haben. Spontan werde ich von J., die gerade mit ihrem Jüngsten einen Spaziergang am Fluss macht, zu einem Tee (oder war es Sirup?) in ihrer Wohnung eingeladen und lerne so noch weitere Einheimische kennen. Wir unterhalten uns sehr gut, man könnte meinen wir kennten uns schon jahrelang. Wenn nur der Kleine nicht ständig auf den Boden pissen würde! Aber egal, das machen die jungen Zürcher wohl einfach so.

Unterwegs probiere ich auch ein Glas „Rivella„, das schweizerische Nationalgetränk auf Milchsäurebasis, welches (der Legende nach) vor allem von Sportlern getrunken wird, und das, eisgekühlt, wirklich hervorragend schmeckt.

Den Rest meiner Zeit in Zürich (vor dem Weiterflug nach Mauritius) verbringe ich völlig unspektakulär. Ich …

  • … diniere mit meiner Schwester (die zufälligerweise ebenfalls für kurze Zeit in der Schweiz weilt) im weltberühmten Vegirestaurant „Hiltl“ und überesse mich so krass, wie schon seit 5 Monaten nicht mehr.
  • … absolviere einen nächtlichen Spaziergang entlang der Limmat und mitten durch Zürich (wie schön, dass man hier auch noch um 23.30 problemlos alleine oder zu zweit durch die spärlich beleuchteten Gassen der Innenstadt spazieren kann!)
  • … packe mein Hab-und-Gut von einem 50lt-Seesack in einen 35lt-Rucksack um. Aaah, das trägt sich doch viel angenehmer! Die Seglerklamotten und all den anderen Kram, den ich nie gebraucht habe, lasse ich diskret bei D. zurück.
  • … verbringe zusammen mit meiner Gastgeberin einen gemütlichen (mehr oder weniger windstillen) Nachmittag auf einem Segelboot auf dem Zürichsee. Das Boot ist in einem top Zustand (scheinbar recht neu, aber mit komischem Namen) und gehört ihrem Freund und einigen seiner Kumpels. Nach zwei Wochen Bootsabstinenz stelle ich fest, dass ich Wenden und Halsen immer noch beherrsche, yeah! Auch D. geniesst den hochsommerlichen Ausflug sichtlich (Baden im See und Glace schlecken inklusive).
  • … helfe am letzten Abend noch, eine spontane Gartenparty zu veranstalten, wo ich noch viele nette, coole und interessante Leute treffe! Natürlich muss ich den ganzen Abend pausenlos von meinen Abenteuern erzählen und wünschte, ich hätte diesen Blog ausführlicher geführt!
Cremeschnitten unterwegs

Zürisee by Night (Vorsicht: Crèmeschnitten)

Und so, nach nur 2 1/2 Tagen Schweizerland besteige ich bereits wieder einen Flieger Richtung Frankfurt/Mauritius und bereue es fast ein bisschen, nicht doch noch ein bisschen länger geblieben zu sein. Aber ehrlich gesagt: So erging es mir ja bisher fast immer, wenn ich ein bereistes Land verliess, egal wie lange ich dort war…

Wie sagt man doch so schön unter Weltreisenden: Das ist doch ein Grund, um früher oder später zurückzukehren (und das verpasste nachzuholen)!

Ferien im Atlantik

Nach drei Wochen nonstop Segeln hatten wir dringend Ferien nötig. Die Azoren sind dafür hervorragend geeignet, ich kann dieses kleine 9-teilige Inselreich inzwischen aus eigener (3/9-) Erfahrung von ganzem Herzen empfehlen.

Postkartensujet

Ferien mitten im Atlantik

Wer’s klimatisch gemässigt, grün und abwechslungsreich mag, mit viel Natur aller Art (saftige Wiesen, lauschige Wälder, rauhe Küsten, staubige Wüsten, steile Berge) und reicher geschichtlicher Vergangenheit (u.a. geprägt durch Spanier, Belgier, Portugiesen, Engländer, Amerikaner und Piraten); wer einem kühlen Bad im Atlantik oder einem heisses Bad in einer vulkanischen Therme nicht abgeneigt ist; und wer überdies kein Problem damit hat, dass auf jedem Foto eine Kirche zu sehen sein wird, der oder die ist hier bestens aufgehoben. Wem das immer noch nicht genug ist, der sei darauf hingewiesen, dass der Espresso („Kafi Express“) nur 60 Cent kostet. Bei 5 Espressi am Tag kann man damit (verglichen mit Schweizer Espresso-Preisen) schnell den ganzen Aufenthalt amortisieren!

Arbeit in luftiger Höhe

Dieser trainierte Affe flickt gerade das kaputte Decklicht

In Horta (auf der Insel Faial) gelandet, machen wir während der ersten zwei Tage erst mal Schiff und Mannschaft wieder klar.  Dabei stellt sich heraus, dass die grossen Herausforderungen für unsere Crew nicht unterwegs auf See zu finden sind, sondern an Land. Ich muss nämlich schon am 2. Tag verhindern, dass der Skipper meinen Crewkollegen in weitem Bogen von Bord wirft. Lorenzo (41-jähriger Italiener) hat zwar ein sonniges Gemüt aber dafür einen etwas ausgeprägten chaotisch-impulsiven Charakter (verteilt seine Kleider regelmässig zum Trocknen oder auslüften über’s ganze Boot; fragt lieber 3 Mal anstatt einmal nachzudenken; hat (natürlich) keine Uhr und ist regelmässig zu spät, geschweige denn in der Lage, sich selber zu wecken, z.B. für die Wache; kauft Food in grossen Mengen ein, ohne sich mit dem Rest der Crew abzusprechen; etc.) Es mag sein, dass dies Philippe, dem Skipper, dessen Stärke nicht unbedingt Geduld ist und der auch sonst eher eine Neigung zur Pedanterie hat, schon länger ein Dorn im Auge war. Beim gemeinsamen Abendessen am ersten Abend nach der Ankunft sind wir wohl alle etwas müde, ausser Lorenzo: der bestellt munter eine Flasche Wein nach der anderen (mit entsprechenden Auswirkungen auf seinen geistigen Zustand über die Zeit) und labert endlos ohne Punkt und Komma, bis Philippe schliesslich halb im Spass und halb im Ernst meint, er solle doch zur Abwechslung mal essen und Maul halten. Von da an ist die Stimmung irgendwie im Eimer, wir gehen zwar nach dem Znacht (mit Service-Super-GAU, siehe Fussnote [1]) noch gemeinsam eins trinken, aber irgendwie ist es da schon nur noch ein sich-aushalten; wie man sich vorstellen kann, super gemütlich für mich als dritten im Bunde.

Ein Bierchen in Ehren...

Da war die Welt noch in Ordnung

Jedenfalls verabschiedet sich Lorenzo dann später und kehrt erst in den frühen Morgenstunden zurück. Als Philippe und ich um 8 Uhr beim Frühstück sitzen und uns schon mal für die anstehende Boots-Aufräumerei und -Putzerei stärken, torkelt Lorenzo ohne viele Worte an uns und dem gedeckten Tisch vorbei und verschwindet irgendwo an Land. Wir denken erst, er ginge wohl eine rauchen, aber nach einer Viertelstunde ist er noch nicht zurück und nirgends zu sehen… So beginnen wir halt zu zweit mit der Putzerei und nach etwa zwei Stunden zeigt sich dann unser Signore in bester Laune, mit Taschen voller Zeug, unter anderem z.B. 3kg riesige Fava-Bohnen, gerade während wir auf den Knien das Deck zu Ende blank schrubben. Tja, da knallt’s dem Skippi halt den Hut von der Birne und die Nägel von den Zehen und es folgt eine etwas hitzige Auseinandersetzung mit sofortigem Schiffsverweis in bester Hire-and-Fire-Manier. Lorenzo macht daraufhin einen eher schwachen Konterzug, der auf dem Versuch einer Vermittlung von „nix verstan“ mit gleichzeitiger Darstellung totaler Unschuld basiert, weist gequälter Mine darauf hin, dass er halt morgens todmüde sei und unfähig zu denken bis nach dem ersten Kaffee und Zigarette, aber hey, kein Problem, er gehe, er habe auch schon ein anderes Boot ausfindig gemacht. Ich stehe daneben und das ganze kommt mir vor wie „E Löu, e blöde Siech, e Glünggi und e Sürmu“, während der Hinweis auf’s andere Boot dem Skipper endgültig den Rest gibt, denn da verpufft grad das letzte bisschen Glaube an Loyalität und Pflichtgefühl gegenüber dem Rest der Crew.

Fussgänger haben auch auf den Azoren Vortritt

Es geht wieder

Als nicht direkt beteiligter aber sehr wohl betroffener Dritter im Bunde (keine Lust, zu zweit nach Europa zu segeln und meine 7 Stunden Schlaf am Stück gegen 4 Stunden oder weniger zu tauschen) muss ich also nach allen Seiten hin kitten, kleben und pflastern. Nach zwei längeren Gesprächen mit beiden Parteien, den einen um Geduld und Nachsicht bittend, vom anderen etwas mehr Disziplin und Absprache (sprich: Teamarbeit) fordernd, kann ich schlussendlich eine zweite Chance für Lorenzo aushandeln, weil wir ja vorläufig ein paar Tage auf den Azoren bleiben und nicht gleich wieder auf grosse Fahrt gehen werden. Uffa.

Die nächsten paar Tage sind nach diesem Vorfall natürlich nicht unbedingt die von Heiterkeit geprägt, wie man sich vorstellen kann. Doch es zeigt sich, dass es geht, beide Seiten bemühen sich mehr oder weniger, und es herrscht zumindest ein einigermassen zivilisierter Umgang. Nach drei Tagen ist mir klar, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss, auch wenn sich diese Crew wohl nie bei „DRS3 macht es Büro uf“ anmelden und wohl nicht viel weiter als bis Gibraltar existieren wird; aber es gibt immerhin keine grösseren Probleme mehr.

Nachdem wir also in den ersten zwei Tagen die meisten gebrochenen und sonstwie kaputten Teile an Schiff und Crew ausgebessert, geflickt oder ersetzt haben, und sowohl innen wie aussen alles fein säuberlich geputzt wurde, können wir uns endlich der Erkundung der Inseln widmen.

Horta Hafenkunst 1

Hier gibt es keinen freien Quadratzentimeter mehr

Baligand forever

Auch wir sind nun verewigt

Horta auf Faial ist ein wunderschönes, etwas verschlafenes, kleines Städtchen, das wohl vor allem von den Seglern (und anderen Touristen) lebt. Die Marina von Horta ist der bevorzugte Landeplatz für alle Yachten, die entweder von Nordamerika oder den Bermudas aus oder (wie wir) direkt aus der Karibik den Atlantik überqueren. Das Café Peter Sport, welches direkt am Hafen liegt, hat vermutlich schon Tausenden von Seglern das erste Bier nach der langen Überfahrt ausgeschenkt (so im Übrigen auch uns). Im Laufe der Jahre haben viele Crews auf der Hafenmole, den Piers und anderen bepinselbaren Flächen in der Umgebung der Marina ein Erinnerungsbild an ihr Schiff und ihre Passage aufgemalt. Das Resultat ist eine riesige Freiluft-Galerie mit unterschiedlichsten Motiven. Die Latte ist ist ziemlich hoch gelegt: Man kann zwar hie und da noch einen einfach aufgepinselten Schiffsnamen entdecken, doch die meisten Arbeiten haben durchaus einen künstlerischen Anspruch. Die einen sind schlichte grafische Abbildungen typografischer Art, andere wiederum sind richtige Gemälde. Ich verbringe im Ganzen mehrere Stunden damit, mir alle Bilder anzuschauen, und merke dabei, dass die Marina recht weitläufig ist… Die Speicherkarte meiner Kamera ist nach diesem Rundgang um einiges voller, auch nach dem vierzigsten oder fünfzigsten Foto finde ich immer noch ein weiteres Bild, das mich auf eine neue Art fasziniert und anspricht (siehe spezielle Foto-Galerie). Natürlich kann ich es nicht lassen, auch von der Baligand eine Visitenkarte zu hinterlassen. Da ich nirgendwo Farbe in vernünftig kleinen Mengen auftreiben kann, muss ich schliesslich mit Duct-Tape, schwarzem Spray und einem Döschen Tippex auskommen. Das Resultat kann sich jedoch durchaus sehen lassen, meine ich (siehe beiliegendes Foto).

Faial's Caldera, mit Ozean im Hintergrund

Ein grosses Loch mitten in der Insel

Am dritten Tag nach unserer Ankunft auf Faial mieten wir ein Auto und erkunden zu dritt die Insel. Wir erwischen einen praktisch wolkenlosen Tag mit herrlicher Aussicht auf’s Meer. Und immer wieder bestaunen wir die unglaubliche Grünheit dieser Insel: richtiges, nordeuropäisches, sattes Dunkel- und Grasgrün, wie wir alle es seit Monaten nicht mehr gesehen haben! Nachdem wir den über 1000m hohen höchsten Punkt mit grandioser Sicht in den zentralen Krater (Caldera) gesehen haben, umrunden wir die Insel auf der Ringstrasse, welche durch zahlreiche kleine Dörfer, einige Nadelwälder, sowie über Felder, Wiesen und Bäche führt. Die Temperaturen sind sehr angenehm, doch hier ist erst Spätfrühling: Die meisten Blumen, u.a. die unendlich vielen Hortensien, die überall zu sehen sind (ein Charakteristikum aller Azoreninseln, aber vor allem von Faial), haben erst gerade angefangen zu blühen.

IMG_0491

Dos Capelinhos y un Suizo

Nachdem wir frisch gefangenen Fisch in einem Aussichtsrestaurant (das Tischgespräch verläuft immer noch etwas harzig, sprich: gar nicht) genossen haben erreichen wir schliesslich die „Dos Capelinhos“ an der Westseite der Insel. Hier entstand in den Jahren 1957-58 durch einen Vulkanausbruch eine Erweiterung der bestehenden Landmasse in Form einer Halbinsel. Der Kontrast zwischen dem aschgrauen sandigen neuen Land, welches auch nach über 50 Jahren immer noch kaum Spuren von Vegetation zeigt, und dem saftigen Grün der restlichen Insellandschaft ist eindrücklich, die Grenze verläuft messerscharf, wie mit dem Lineal gezogen. Faszinierend ist ausserdem der Leuchtturm, der ehemals auf einer Klippe stand, und nun, am Fuss der vulkanischen Halbinsel, verloren und um seine Funktion gebracht inmitten des aschgrauen Niemandslands steht. Wir erkunden das Gelände ausgiebig zu Fuss und besuchen auch das neu angelegte Besucherzentrum, welches dieses Naturereignis in einem sehr ansprechend konstruierten unterirdischen Bau dokumentiert. Anschliessend gönne ich mir im mollig warmen (schätzungsweise 16-18°C) Atlantik ein erfrischendes Bad, während sich der Rest der Crew ein am Strand stattfindendes Rallye zu Gemüte führt, und dabei gemeinsame Interessen entdeckt.

Kein Lüftchen

Wasser wie Öl

Tags drauf verlassen wir Faial, und fahren zwischen dem hoch aufragenden Kegelkrater des Pico (auf der gleichnamigen Insel) und dem langgezogenen vulkanischen Rücken São Jorge’s weiter Richtung Terceira. Es ist total windstill und die See ist wellenlos und ölig. Wir benutzen auf dieser zehnstündigen Überfahrt den Motor länger als auf der ganzen Transatlantik-Überquerung von St. Martin bis auf die Azoren!

IMG_0613

Die Kirchen von Angra

Auf Terceira liegen wir in der Marina von Angra do Heroismo. Diese Stadt ist zwar schon um einiges grösser als Horta, hat aber trotz zweier Kathedralen und schöner Architektur (und ihrem Status als UNESCO Welterbe) weniger Charme als letztere. Tags drauf mieten wir erneut ein Auto, um die Insel zu erkunden. Wir besuchen u.A. eine Käsefabrik und degustieren den lokal hergestellten Kuhmilchkäse (hier hat es überall Kühe, ich komme mir oftmals vor wie in der Schweiz), der sehr gut schmeckt. Auf dem Gipfel (auch hier gibt es eine Caldera) dringt die Sonne zum ersten mal durch die Wolkendecke. Wieder unten, ist die Sicht dann deutlich besser. Inspiriert von meinem gestrigen Schwumm, geniessen wir an diesem Tag zu dritt ein Bad in den Naturpools inmitten erstarrter Lava in Biscoitos am Nordende der Insel. Diese natürlichen Schwimmbecken werden kontinuerlich durch die atlantischen Brandung mit neuem Wasser versorgt, alle paar Minuten schwappt wieder eine grosse Welle vom Meer her über den Rand eines Pools und sorgt damit für Action…

Aussichtspunkt

Aussicht auf die Marble Mania Ebene

Auf der Weiterfahrt wird bald deutlich, dass sich diese Insel stark von Faial unterscheidet. Die Insel wird landwirtschaftlich viel intensiver genutzt (sagte ich schon, dass es viele Kühe hat?) und die ganze Kulturfläche ist durch unzählige dunkle Lavasteinmauern, wie ein riesiges verzerrtes Schachbrett, in unzählige kleine Anbauflächen und Weiden unterteilt. Tatsächlich kommt Lorenzo, als wir auf einem der zahlreichen Aussichtspunkte stehen und auf diese in den unterschiedlichsten grüntönen gekachelte Landschaft hinunterschauen, als erstes „Marble Mania“ in den Sinn… Ich muss grinsen, denn er hat absolut recht. Die Frage ist nur: Erinnert sich sonst noch jemand an dieses fantastische Spiel auf dem C64? Falls nicht: Google ist dein Freund (GIYF). Vergleiche nebenstehendes Bild mit Screenshots aus dem Internet!

Einen Tag später segeln wir über Nacht nach São Miguel, unserem letzten Ziel in den Azoren. Dies ist die touristisch am meisten erschlossene Insel mit dem internationalen Flughafen und die Hauptstadt Ponta Delgada, wo wir anlegen, ist (verhältnismässig) riesig. Plötzlich ist zweite Haus ist eine Boutique oder ein Restaurant. Wir sind definifiv zurück in der Zivilisation!

Valérie, Philippe, Le Chef, Martijn, Lorenzo

Crews united (Baligand + Antinéa)

In Ponta Delgada treffen wir auch auf Martijn (NED) und Valérie (FR). Sie sind ebenfalls von St. Martin aus gestartet und für mich keine unbekannten; ich hatte nämlich Valérie, die Skipperin, vor gut 4 Wochen in der Marina von Marigot um eine Mitfahrgelegenheit angefragt, allerdings nie eine Rückmeldung erhalten, und als ich kurz darauf schliesslich die Baligand fand, hatte ich alles wieder vergessen. Bezeichnenderweise haben die zwei dann auch mich erkannt und angsprochen und nicht umgekehrt, was für mich mal wieder eine klare Bestätigung meines hundsmiserablen Personengedächnisses ist (ich hoffe inständig, dass ich nach meiner Rückkehr noch irgend jemanden wieder erkenne). Jedenfalls unterhalten wir uns auf dem Dock und sie erzählen mir, dass sie fünf Tage vor uns losgefahren sind und drei Tage länger gebraucht haben für die Überfahrt, weil teilweise überhaupt kein Wind vorhanden war und sie oft den Motor brauchen mussten. Ich hatte also mit der Baligand definitiv das bessere Los gezogen! Kurz darauf stösst auch der Rest meiner Crew dazu, und weil man sich gut versteht (Valérie und Philippe können beide endlich wieder mal volle Kanne französisch reden und ihre Skippersorgen und -erfahrungen austauschen, Martijn und ich liegen ebenfalls auf der gleichen Wellenlänge, er hat ein Jahr lang als Tauchinstruktor in Costa Rica gearbeitet) beschliessen wir nach einem gemeinsamen Nachtessen kurzerhand, am nächsten Tag gemeinsam ein Auto zu mieten.

IMG_0736

Martijn mag Cozido

São Miguel ist die grösste aller Azoreninseln und lässt sich deshalb nicht in einem Tag besichtigen, wie die meisten anderen. Wir beschliessen deshalb, nur den Ostteil der Insel zu befahren. Das Wetter ist uns leider nicht sehr hold an diesem Tag – auf dem Gipfel der westlichen Caldera ist die Wolkenschicht so dick, dass man zeitweise auf der Strasse nicht weiter als 30m sieht und später fängt es dann auch noch an zu regnen. Mit der fantastischen Aussicht auf die zwei Sete Cidades Seen ist jedenfalls nix, und damit war der erste (wörtliche) Höhepunkt schon mal ein Flop. Wir fahren also auf der anderen Seite wieder runter und aus der dicksten Suppe raus und weiter nach Osten. Sao Miguel hat einige vulkanisch recht aktive Zonen, wo kochendes Wasser aus dem Boden tritt, so unter anderem in Furnas. Nach einer kleinen Wanderung vom Aussichtspunkt oberhalb des Dorfes bis zu den heissen Quellen (unterwegs komme ich mir vor, wie in der Schweiz: saftige Wiesen, Nadelwälder, grasende Kühe, Bergsee) können wir gleich noch eine weitere Spezialität des Ortes betrachten: Die Dorfbewohner vergraben nämlich Packen mit Fleisch und Gemüse ca. 1m tief im Boden  (nein, es handelt sich nicht um Eichhörnchen) und garen so das Essen in der heissen Erde. Das Resultat heisst Cozido, lässt sich z.B. im Restaurant „Tony’s“ geniessen und schmeckt vorzüglich (siehe Bild). Anschliessend steht auch auf dieser 3. Inseltour baden auf dem Programm, allerdings diesmal nicht im Atlantik, sondern im Thermalbad. Das Wasser ist stark eisenhaltig und rostbraun, mit einer Temperatur von ca. 35°C. Mir ist das natürlich nach 5 Minuten viel zu heiss, aber Martijn, der noch nie in einem Thermalbad war, bleibt für eine geschlagene Stunde drin sitzen. Ahrgh? Der Mann war wohl mal ein Hummer im Kochtopf in einem früheren Leben.

IMG_0744

Ileana und Judith wissen wie man Seefahrer bewirtet

Auf dem Heimweg besuchen wir dann noch eine Bekannte von Lorenzo’s Mutter. Ileana wohnt seit Jahrzehnten auf den Azoren und zusammen mit ihrer amerikanischen Freundin Judith bewirtet sie uns fürstlich mit Kaffee, lokalem Süssgebäck, azorischem Wein und schlussendlich noch selbstgemachter Pizza, so dass wir am Schluss für gut 2  Stunden anstatt der geplanten halben Stunde sitzen bleiben… Die beiden älteren Frauen hatten wohl schon lange keinen Besuch mehr, sie tischen uns eine Anekdote nach der anderen auf. Als wir schliesslich aufbrechen, kriegen wir noch einen Mozarella, frischen Basilikum und eine Handvoll frischen Rosmarin in die Hände gedrückt. Proviant für die Überfahrt nach Europa!

Tags drauf heisst es „Leinen Los!“ in Ponto Delgado und wir setzen Kurs auf Gibraltar. Doch davon berichte ich später…

___

Worst Restaurant ever

Kabam Todos? No Grazie!

[1] Chronologie der Ereignisse: 0) Wir betreten ein leeres Restaurant mit hübsch gedeckten Tischen und ansprechender Menukarte. 1) Bei der Bestellung hört der Kellner leider nicht dem Bestellenden zu, sondern ist extrem abgelenkt, schaut woanders hin, und macht ein paar Scherze mit seinem Kollegen in der Küche. Er muss 2x nachfragen, wer denn nun was bestellt habe. 3) Eine von drei Vorspeisen kommt, die anderen leider nicht. Auch nach weiteren 10 Minuten nicht. 4) Auf Nachfrage, wo denn die anderen Vorspeisen seien, sagt der Kellner, dass gemäss seinen Notizen nur noch eine fehle (d.h. die dritte ging verloren). Diese brauche aber noch ca. 15 Minuten, weil die Zubereitung länger dauere als für die bereits servierte. „Äh, Timing in der Küche?“ merken wir an, worauf sich der Kellner persönlich angegriffen fühlt und nochmal darauf hinweist, dass die eine Zubereitung halt länger dauere als die andere! 5) Schon bald kommen die Hauptgänge, immerhin gemeinsam innerhalb von 5 Minuten. 6) Da war doch noch was? Ah ja, die Vorspeise, die „länger dauert“. Kommt kurz nach den Hauptgängen. 7) Als Ausgleich für die Verspätung schüttet der Kellner diese beim Servieren Philippe über die Hosen (mmh, Moules au Pantalon). 8) Als wir mit dem Hauptgang beinahe fertig sind, kommt doch noch eine 3. Vorspeise (wir verzichten dankend). 9) Wir denken, dass heute wohl nicht ganz unser Tag ist, aber dann stellen wir fest, dass am Nebentisch drei falsche Gerichte serviert werden und eines fehlt. 10) Die Rechnung enthält natürlich 3 Vorspeisen. 11) Das Essen (d.h. die Zubereitung) war tadellos.

Jazz am Strand und Teer im See

Nach zwei sehr erholsamen Wochen in Panamá fliege ich am 26. April nach Trinidad weiter. Ich weiss zwar zu diesem Zeitpunkt (leider) schon, dass meine Überfahrt nach Europa abgesoffen ist, beschliesse aber trotzdem, mir die Karibik noch etwas näher anzuschauen. Den Flug hatte ich sowieso schon gebucht, also was solls…

Trinidad

Als ich in Trinidad lande, gibt es schon mal erste Hürden zu überwinden: Da ich kein Weiterflugticket habe (ich weiss schlichtweg nicht, wohin die Reise weitergehen wird, das hängt alles von allfälligen Kontakten mit Skippern ab), werde ich von zwei Immigrationsbeamten erst mal tüchtig in die Mangel genommen und ausgefragt über alle meine Pläne für die nähere Zukunft. Ich muss alle meine Geldkärtchen präsentieren (dass ich nur $9 in bar auf mir trage, hilft nicht wirklich), Beruf und Arbeitgeber angeben (wenn man’s genau nimmt, habe ich natürlich keinen), wie lange ich schon arbeite, Auskunft über meinen Job erteilen (die Immigration in Trinidad ist nun also über BPM bestens im Bilde und weiss auch, wie sie einen geeigneten Prozess implementieren könnte) usw. usf. bis ich schlussendlich widerwillig eine 10-tägige Aufenthaltsbewilligung in den Pass gestempelt bekomme. Uff, geschafft.

Danach miete ich ein Auto, einen abgewrackten Toyota Yaris für nur $50 pro Tag, was für ein Schnäppchen (was verschwindet da langsam am Horizont? Ah ja, mein Tagesbudget). Wo doch der Autovermieter nebendran Autos für $25 pro Tag im Angebot hätte, nur leider alle ausverkauft, seit 5 Minuten. Hätte ich nur mit weniger Herzblut die Immigrationsbeamten in die Geheimnisse von Business Process Management eingeweiht. Ich setze mich also in meinen Schlitten und rausche auf die Autobahn Richtung Port-of-Spain. In der Hauptstadt suche ich dann die „Regent Gardens“, wo ich – Couchsurfing sei Dank! – eine Übernachtungsgelegenheit für 2 Nächte organisieren konnte. Google Maps konnte Regent Gardens leider nicht finden, darum fahre ich zum „Regent Lane“ im Quartier Belmont. Nanu? Irgendwie wirkt hier alles so heruntergekommen und mein Gastgeber sagte was von Pool? Hmm… Während ich also so forschend durch die nächtlichen Strassen wandle auf der Suche nach der korrekten Hausnummer, spricht mich eine junge Frau an und fragt mich, was meine Absichten seien. Nach einer kurzen Erklärung meinerseits meint sie lakonisch, dass ich hier sicher am falschen Ort sei und dass es überhaupt besser wäre, wenn ich meinen (weissen) Arsch hier nicht zu dieser Stunde spazierenführen würde (sie sagt es extrem anständig und mit deutlich wahrnehmbarer Besorgnis in der Stimme). Ich schaue mich näher um, sehe plötzlich überdeutlich all die schäbigen Häuser und alle die herumlungernden Typen, die mich seit 5 Minuten anstarren und alle meine Bewegungen verfolgen. Ich danke ich ihr herzlich für den tollen Ratschlag und mache mich aus dem Staub.

Doch inzwischen ist es 20:30 (ich habe mich auf ca. 19 Uhr angemeldet) und ich habe immer noch keine Ahnung, wo mein Gastgeber wohnt. Fieberhaft suche ich ein öffentliches Telefon, und finde sofort eins, nur leider ist es genau so kaputt wie alle anderen, die ich entdecke. Langsam etwas entnervt, schaffe ich das Kunststück, als Geisterfahrer in den dreispurigen Highway einzubiegen (in Trinidad herrscht übrigens Linksverkehr). Wie das möglich ist? Na ja, in Trinidad gibt’s auch auf der Autobahn Ampeln und so stoppt ca. alle 5 Minuten der Verkehr komplett. In so einer Situation komme ich zur Einfahrt und sehe weit und breit kein Auto, worauf ich die fatale Fehlentscheidung traf, nach rechts abzubiegen. 2 Minuten später kommen mir ca. 100 Autos mit 80km/h entgegen. Ich lasse das wohl nicht ganz unberechtigte laute Gehupe über mich ergehen, halb im Strassengraben parkiert, und kann 5 Minuten später, während der nächsten Rotphase, problemlos wenden. Das ist der Vorteil von 3-spurbreiten Strassen!

Endlich leiht mir jemand sein Handy, und ich kann Burcin anrufen und einen Treffpunkt vereinbaren. Es geht schon gegen 22 Uhr, als wir endlich bei ihm zu Hause ankommen. Burcin ist Türke, arbeitet seit rund 20 Jahren für eine türkische Casinogesellschaft und hat in dieser Zeit so ziemlich überall auf der Welt gewohnt und Casinos betreut. Er wohnt zusammen mit Bulent, einem weiteren Casinoangestellten, in einer teuren Wohnung unweit vom Meer, mit Pool, Security am Eingang, eigenem Fahrer, usw. Alles vom Arbeitgeber bezahlt. Das Quartier ist ganz klar am anderen Ende der Wohlstandsskala im Vergleich zu Belmont, in etwa Züriberg vs. Sihlquai. Die beiden Männer beschämen mich sogleich mit ihrer fantastischen Gastfreundschaft: Burcin zieht sofort aus, um auf dem Sofa zu schlafen und überlässt mir sein Doppelbett. Dann gehen wir aus, und auch diese Rechnung übernehmen meine Gastgeber. Ich darf ihre privaten Laptops nutzen soviel und sooft ich will. Ich kriege einen eigenen Hausschlüssel und kann kommen und gehen wie ich will. Wie soll ich mich da nur revanchieren?

Dennoch bin ich schon bald im Clinch: Die beiden Herren sind, natürlich, auf Grund ihres verhältnismässigen Reichtums, extrem vorsichtig und immer auf der Hut, wenn sie in Trinidad unterwegs sind. Gemäss ihren Aussagen ist es praktisch unmöglich, sich alleine irgendwo in Port-of-Spain und auch in vielen Teilen von Trinidad fortzubewegen. Als Beweis für ihre Vorsicht, erzählen sie mir nüchtern, wie sie bereits einige Male ausgeraubt wurden und auch von ihren Freunden und Bekanntschaften, die dasselbe erlebt haben. Wie verträgt sich das nun mit der Freundlichkeit der Trinidader, die ich bis jetzt erlebt habe? Es ist wie ein Fluch: In den folgenden Tagen merke ich, dass ich, durch diese Berichte beeinflusst, anfange übervorsichtig zu werden und alle Einheimischen plötzlich als potentielle Gefahr wahrnehme, ohne dass ich das eigentlich will. Ich gehe weniger auf Leute zu, überlege mir, ob ich auf einem etwas abgelegenen Parkplatz parkieren soll, ob ich eine bestimmte Strasse entlanggehen soll, ob ich es mir leisten kann, am Strassenrand auf ein Sammeltaxi zu warten, usw. Das gefällt mir gar nicht und geht mir an die Nieren. Ich frage mich, wie es gewesen wäre, wenn mein Couchsurfing-Gastgeber ein Trinidader gewesen und ich in einem ganz normalen Quartier untergekommen wäre?

Desktophintergrund, hochformat

Wer braucht noch einen Desktophintergrund?

Während 2 Tagen erkunde ich mit dem Auto die Insel. Am ersten Tag mache ich einen sehr schönen Ausflug durch den bergigen Norden, esse (mit schlechtem Gewissen) Bake’n’Shark (fritiertes Brot mit fritierten Haistücken darin, die kulinarische Spezialität Trinidads), geniesse die Aussicht entlang der hügligen Küste, umkurve behende die zahllosen riesigen Schlaglöcher in den Strassen und hole auf den engen und teilweise steilen Strassen das letzte aus dem Yaris raus (und sehne mich nach einer manuellen Gangschaltung). Durch den dicken Nebelwald fahre ich, fast ohne einem anderen Auto zu begegnen, über die Berge zurück nach Port-of-Spain.

Die Nordküste von Trinidad

Trinidad, Nordküste

Am zweiten Tag fahre ich ganz in den Süden, um mir den „Pitch Lake„, einen natürlichen Asphaltsee, anzuschauen. Es gibt nur 3 von diesen Seen weltweit, und der Asphalt von Trinidad war (und ist wohl immer noch) weltberühmt. Die frühen Seefahrer waren des Lobes voll über die schwarze Masse, die sie zum abdichten ihrer Schiffe benutzten. Später dann, als der industrielle Abbau des Asphalts bereits in vollem Gang war, wurde das Material bis nach Ostdeutschland geschafft, wo es u.a. im Autobahnbau verwendet wurde. Auch heute noch wird fleissig Asphalt abgeschöpft und in alle Welt verschifft. Man kann den See zu Fuss begehen und mit einem Guide darüberwandern. Ab und zu sieht man Baumstämme, die aus der Tiefe und Vergangenheit an die Oberfläche gelangen, wie auch schon ganze Skelette von Urgetieren und -pflanzen.

Am Ende des 2. Tags reicht es mir aber mit Trinidad. Einerseits habe ich das Gefühl, schon alles sehenswerte gesehen zu haben, andererseits fühle ich mich aus oben genannten Gründen nicht sehr wohl. Darüberhinaus habe ich kein Auto mehr, meine Zeit bei Burcin und Bulent läuft aus, und der ÖV ist vollig unpraktisch. Instantan vermisse ich Zentralamerika, mit seinen einfachen und günstigen Unterkünften und den exzellenten Fortbewegungsmöglichkeiten. In dieser Stimmung, mit einem Carib in der einen Hand und einem Double in der anderen, fällt mein Blick auf eine Anzeige für das Tobago Jazz Festival, welches zu diesem Zeitpunkt bereits stattfindet, aber zum Glück noch für weitere 3 Tage andauert. Tagsdrauf sitze ich bereits in der Fähre nach Scarborough und habe unterwegs, mitten zwischen kotzenden Passagieren und einer superlauten Darbietung des ersten Harry Potter Films auf allen Bildschirmen, sogar noch Zeit für ein Hochzeitstelefon auf den Gurten.

Tobago

In Tobago richte ich mich in einem Guest House in Crown Point ein und fühle mich sofort viel besser. Hier ist alles nahe beieinander und mit dem gemieteten Velo kann ich problemlos die nähere und weitere Umgebung erkunden. Der Flughafen liegt mitten im Ort: gehsch du kurz Milch einkaufe, so läufsch am Flughafe vorbei, eingequetscht zwischen Rotistand und Autovermietung. In Tobago gibt’s, im Gegensatz zu Trinidad, praktisch keine Kriminalität, die ganze Insel ist ein Dorf. Man kann sich am Strand ein Bierchen oder einen Drink genehmigen und den Sonnenuntergang bestaunen und auch spätabends, nach einem Znacht auswärts, zu Fuss nach Hause schlendern.

Im Guest House sind wir nur zwei Gäste, neben mir auch noch Tom, ein etwas älterer Amerikaner aus Florida, der für American Airlines arbeitet und ein riesen Jazzfan ist. Seit Jahren fliegt er in die Karibik, um auf den verschiedensten Inseln Jazzfestivals zu besuchen, was er sich, dank seines Jobs, auch gut leisten kann. In seiner Sporttasche hat er immer einen CD-Player und 2 Boxen dabei, damit kann er sich an einem Strand seiner Wahl niederlassen und sich in aller Gemütlichkeit, mit einem Cuba Libre in der Hand, von Miles Davis oder sonstwem beschallen lassen. Das finde ich ein super Konzept! Gleich am 2. Tag nach meiner Ankunft besuche ich mit Tom ein Gratiskonzert am Strand. Etwa 8 Gruppen treten auf, den Höhepunkt bildet der Auftritt von Arturo Tappin, einem barbudischen (barbudesischen?) Saxophonisten. Der Strand überläuft vor Leuten, alle haben eine riesige Kühltruhe dabei, die mit Rum, Cola, Bier, Limetten und Eis gefüllt ist (man stelle sich das mal an einem unserer Festivals vor). Trotz des enormen Alkoholkonsums bereits um 11 Uhr morgens bleibt die Stimmung sehr locker und friedlich, alles schwingt Hüften und Hintern, und es scheint mir, dass je grösser der Hüftumfang einer Frau, desto krasser die Schwünge und der Groove. Zwischen zwei Darbietungen strömt die Menge, ohne Bierflaschen oder Drinkgläser aus der Hand zu geben, ins brusttiefe Wasser, wo dicht an dicht weitergeplaudert und -gefeiert wird. Coole Sache!

Nach diesem bereits sehr tollen Tagesanfang, mache ich mit meinem Velo noch einen Ausflug nach Plymouth im Norden. Auf der Rückfahrt, es ist bereits dunkel, lege ich einen Zwischenhalt am Strand von Black Rock ein. Grund dafür ist, dass im Moment die Nistsaison der riesigen Lederschildkröten ist, und dieser Strand eines ihrer bevorzugten Legegebiete ist. Ich laufe den Strand hinunter und wieder hoch und halte Ausschau, was in der stockdunklen Nacht nicht ganz so einfach ist. Während sich meine Augen auf der Suche nach einer autoreifengrossen Schildkröte über den Strand bewegen, sehe ich die Spuren eines 4-Wheelers rechtwinklig zum Strand, und ich frage mich, welcher Hirni denn hier mit diesem Gefährt ins Wasser gefahren ist. Doch bald realisiere ich: Es war kein 4-Wheeler, sondern eine beschilderte Kröte, die hier den Strand hochgekrochen ist und dabei diese enormen Spuren hinterliess. Ich folge den Spuren ein wenig landinwärts, gleich nach der Strandkuppe liegt die total erschöpfte Schildkröte, die deutlich grösser ist als ein Autoreifen, sie hat eher die Grösse eines kleinen Kühlschranks! Es steht bereits eine Familie dort, die dem Tier zuschaut wie es schwerfällig mit seinen riesigen Flossen ein Loch gräbt. Dabei hält das Reptil immer wieder inne und lässt einen Seufzer oder ein Röhren hören (das reimt!). Kurz, es wird klar, wie Scheiss-anstrengend und mühsam diese Eierlegerei mit allem drum und dran sein muss (wenn man eine Lederschildkröte ist). Nach einer guten Stunde schaufelt Mme. Leatherback ihr Loch wieder zu und quält sich Stück für Stück zurück, den Strand hinunter, Richtung Ozean. Kaum von der ersten Welle erreicht, ist der riesige Panzer auch schon abgetaucht und verschwunden. Was bleibt, ist eine zwanzigmetrige 4-Wheelerspur am Strand. Natürlich laufen wir sofort zurück zum Ort des Geschehens, graben die Eier aus und braten uns einen Haufen toller Spiegeleier. Mmh, die Natur hat es wirklich gut mit uns gemeint!

Doch damit ist dieser grossartige Tag noch nicht zu Ende: Als ich um ca. 23 Uhr zurück ins Guest House komme, treffe ich Tom, der mir 2 Tickets für das grosse Abschlusskonzert am nächsten Abend entgegenstreckt. „Complementary“, sagt er, er habe die Tickets umsonst durch eine Bekanntschaft organisieren können. Warum habe ich heute nicht Lotto gespielt?

Das Konzert am nächsten Tag dauert von 4 bis 21 Uhr (diesmal nur in der Nähe des Strands). Tom und ich haben beste Sitze gleich vor der Bühne und natürlich haben wir heute auch eine Kühlbox mit den nötigen Zutaten dabei… Der Hauptact, Randy Crawford & Joe Sample, waren echt die Reise wert und ein toller Abschluss für meine Zeit in Trinidad & Tobago (man soll gehen, wenn’s am besten ist). Wenn ich wieder komme, dann definitiv nur noch nach Tobago. Hier hätte es noch viel zu sehen gegeben, insbesondere auch tolle Tauchspots im Norden…

Am nächsten Morgen (2. Mai) fliege ich für $24 (soviel hätte das Taxi von Port-of-Spain an den Flughafen gekostet!) zurück nach Trinidad und von da aus weiter nach St. Maarten (auch diesmal ohne Weiterflugticket, aber das ist eine andere Geschichte).

PS1: Leider habe ich – ausser den paar wenigen Bildern von Trinidad – absolut keine Bilder von diesem Aufenthalt, weil meine Kamera den Geist aufgegeben hat. Muss mir wohl eine neue kaufen…

PS2: Trotz Kameraausfall hat es hat neue Bilder in der Da Pix Abteilung gegeben!