Koyoten, Reiher und Nebelschleier

Ankunft in Puerto Barrios: Hier werden gerade Chiquita-Bananen verladen!

[14.3. – 20.3.] Nur eine Stunde dauert die Überfahrt mit dem Boot von Punta Gorda im Süden von Belize nach Puerto Barrios an der guatemaltekischen Karibikküste. Weil alles so reibunglos funktioniert, vergesse ich fast, mich auf der Immigration, die sich ca. 200m vom der Anlegestelle entfernt befindet, anzumelden und meinen Stempel abzuholen. Von Puerto Barrios aus sind es anschliessend noch einmal 30 Minuten per Boot bis nach Livingston, der einzigen Siedlung in Guatemala, die auch halboffiziell Englisch spricht. Dies darum, weil ein grosser Teil der hier ansässigen Bevölkerung den Garifunás angehört; Nachfahren von ehemals geflohenen Sklaven aus der Karibik, die sich auch im südlichen Belize niedergelassen haben. Diese einzigen Schwarzen in Guatemala pflegen verständlicherweise eine Kultur, die mit dernenigen der spanisch- oder mayastämmigen restlichen Bevölkerung nicht viel gemeinsam hat.

Uärgh! Eine Bananen-Qualle am Strand von Livingston.

Mein (zugegebenermassen oberflächlicher) Eindruck der Garifuna-Kultur in Livingston war allerdings eher der, dass ich den ganzen Tag lang gefragt wurde, ob ich Marihuana kaufen oder ob ich meine Haare flechten lassen wolle. Dazu kommt noch, dass sich am Hafen Dutzende von Coyotes zu Nutzen machen, dass sie Englisch sprechen und damit den armen Gringos, die ja kein Spanisch können, die ach so komplizierte Ankunft vereinfachen. „Hey, you speak english? USA? Canada? No? Need this? Need that? Which Hotel are you staying at? You want to do a tour? You want to see some REAL Garifuna culture? Come with me! My WHOLE family is Garifuna! We cook for you! We show you our homes! We let you play drums with us! We are so special! Our culture is unique! You HAVE to see this, otherwise you have not been in Livingston! No, I’m not selling anything. I’m just want to be your friend! I feel it already, we have something going on here between us. It’s cool. You cool? Oh, by the way, do you have some money? You smoke? Grass? Marihuana? No?!?“ etc. No thanks,  leave me alone. Da sind mir die wortkargen Ladinos und Mayas um einiges lieber.

Die EU an der Arbeit.

Aber auch diese vernachlässige ich. Ich hänge nämlich an den zwei Abenden, die ich in Livingston verbringe, ausschliesslich mit Italienern ab! Diese kenne ich nämlich quasi schon seit meiner Abreise aus der Schweiz, weil Emmanuele ein Kontakt ist, der mir von gewissen, in guatemaltekischen Dingen nicht unerfahrenen, Kreisen zugehalten wurde. Mit meinem niegelnagelneuen guatemaltekischen Handy, das ich mir durch den Verzicht auf 4 Minuten Roamingkosten-Telefonat mit meinem Schweizerabo erspart habe (4 x 4.50 CHF = 100Q), rufe ich diesen an, worauf er mich prompt am Hafen abholt und mich prontissimo in ein tolles günstiges Hotel steckt. Natürlich spreche ich kein einziges Wort Italienisch und Emmanuele dafür kein Englisch, weshalb die Kommunikation ausschliesslich in Spanisch stattfindet. Spanisch? Äh ja, genau: Man lese 1 Buch (Spanisch in 3 Tagen oder so ähnlich) und nehme einen 2-tägigen Kräschkurs bei einer Privatlehrerin (Nummer bei mir, auf Anfrage), und schon kann man sich fliessend mit „toda la gente“ unterhalten. Okay, vielleicht eher gebrochen wie ein Zwieback zuunterst im Rucksack, aber immerhin! Da Emmanuele & Co. tagsüber für ein europäisches Hilfsprojekt arbeiten, sehen wir uns jeweils abends. Die drei äusserst kommunikativen und supersympathischen ragazzi unterhalten sich in meiner Gegenwart ausschliesslich auf Spanisch, was natürlich sehr höflich, aber total sinnlos ist, weil ich sowieso nur etwa 10% verstehe. Hingegen überhaupt nicht sinnlos  sind die tollen Spaghetti al‘ Gamberetti, die Irene am zweiten Abend kocht. Mamma mia, che buono! In dieser trink- und essfreudigen Gesellschaft mache ich natürlich auch gleich ausgiebige Erfahrung mit dem guatemaltekischen Nationalbier Gallo, das sich zwar einigermassen trinken, aber definitiv nicht saufen lässt.

Ankunft in der Schweiz (per Boot).

Vom Wetter motiviert, welches sich zusehends verschlechtert (sprich: es regnet halbtageweise), reise ich bald weiter. Erneut mit einer Lancha mache ich die Fahrt den Rio Dulce hinauf, erst durch eine Schlucht mit steilen Flanken, dann durch eine Lagune bis zum Dorf Rio Dulce, von wo aus die Strasse nach Norden in den Petén führt. Ich habe noch nie so viele Reiher auf einem Haufen gesehen, wie auf dieser Flussfahrt: Überall im dichten Grün des Dschungels, welcher den Fluss säumt, hat es weisse Flecken auf Stelzen. Auf jedem Foto, das man schiesst, hat es sicher 20 Reiher; es ist echt krasser als Kirchen in Malta (wo die Dichte ca. 5 Stk/Foto beträgt). Hier verbringe ich noch einmal zwei Nächte in einem kleinen Hotel, welches sich in einem Nebenarm des Rio Dulce befindet. Nur mit dem Boot zugänglich, besteht die Anlage aus einigen Bungalows, die auf Stelzen und mit Stegen verbunden mitten im Dschungel stehen. Ich wusste erst nicht, dass das Hotel Schweizern gehört, bis ich auf die dezent im Hintergrund laufenden Züri West und Patent Ochsner Songs aufmerksam wurde (ich hab’s allerdings schon vermutet, weil der Typ an der Reception einen extrem gemütlichen Schweizerdialekt hatte).

Es hat viel altes Holz und GFK am Rio Dulce...

Der Rio Dulce fliesst aus dem grössten guatemaltekischen See, dem Lago Izabal, heraus und ist – nebst Reihern – vollgestopft mit Segelbooten, da der Fluss, wie auch der See, als äusserst hurrikansichere Gegend für diese gelten. Allerdings gibt es nebst neuen Kähnen auch viele, die aussehen, als ob es auf einen Hurrikan auch nicht mehr ankäme… Gerne würde ich ein wenig auf dem Izabal segeln, aber alle Skipper, die ich anfrage, sind entweder nicht verfügbar oder planen den nächsten Törn erst in einigen Tagen.

Sonnenuntergang in Flores, inkl. Bier und Drinks.

Ich lasse die Reiher deshalb alleine weiterreihern und fahre weiter nach Flores, ganz im Norden Guatemalas. Die kurze, 3-stündige Fahrt im Chickenbus wird nur ein kurzes Stündchen aufgehalten von einem Lastwagen, der sich etwas ungeschickt in den Strassengraben manövriert hat und danach, infolge Umkippens, seine ganze Ladung Pepsi über die Strasse verteilte.

Flores ist ein kleines, sehr sympathisches Städchen auf einer Insel, die im zweitgrössten See Guatemalas liegt, dem Lago Petén Izta. Ich leiste mir für die ersten 3 Nächte den Luxus eines Einzelzimmers mit Bad, Balkon und Seesicht für 70Q (~10 CHF). Flores hat vermutlich einen der schönsten Sonnenuntergänge in Guatemala, fast jeden Abend sinkt die Sonne blutrot im See unter, was sich auf einem der zahllosen Holzstege, die nach Westen hin in den See ragen, mit einem Moza in der Hand perfekt geniessen lässt.

Vorher...

Am Wochenende besuche ich dann Tikaldie Hauptattraktion hier in der Gegend. Diese Mayastadt, die zu den grössten und am besten restaurierten von ganz Zentralamerika gehört, ist ein Unesco Welterbe. Die Stätte ist vor allem deshalb beeindruckend, weil sie sehr gross ist und mitten im Dschungel liegt. Die Tempel, Akropolisen (-sae?) usw. liegen in freigelegten Lichtungen unterschiedlicher Grösse und sind durch Wege von z.T. 20 Minuten Länge miteinander verbunden, auf denen man unterweegs zahlreiche Feder- und andere Viecher beobachten kann. Natürlich war hier einst alles freigerodet; man schätzt, dass in dieser Stadt einmal fast 100’000 Mayas gelebt haben. Natürlich hat es auch hier noch zahllose überwachsene Hügel im Dschungel, von denen jeder sicher noch einen weiteren Tempel oder sonst ein Gebäude verbirgt, das einfach noch nicht ausgegraben ist (und wohl auch nie ausgegraben wird).

...und etwas später.

Im ganzen gibt 6 grosse Tempel, wovon der Tempel IV mit etwas über 70m der höchste ist. Von dessen Platform aus kann man fast alle anderen Tempel sehen, wie sie aus dem Dschungeldickicht aufragen. Ich konnte das sehr eindrücklich erleben, weil ich sehr früh vor Ort war. Morgens um 6 Uhr liegt nämlich alles noch im Nebel, was dem ganzen beim Erkunden eine magische Stimmung verleiht. Gegen 8 Uhr, wenn die Sonne hoch genug steht, lichtet sich dieser dann. Diesen Augenblick habe ich zuoberst auf dem Tempel IV mit nur sehr wenigen anderen erleben können: Zuerst sieht man nichts, und dann langsam, langsam, sieht man immer weiter, ein Tempel nach dem anderen wird sichtbar, bis schlussendlich der Blick ungehindert bis zum Horizont reicht.

A long way down.

Am besten gefallen hat mir Tempel V, der zwar nicht so hoch wie Tempel IV, dafür aber extrem steil ist. Die Holztreppe zum raufkraxeln ist eher eine Leiter denn eine Treppe… Etwas fassungslos habe ich dort oben mehrfach zuschauen können, wie Leute mit offensichtlich grosser Höhenangst den Tempel erklettern, sich oben dann mit zitternden Knien und fest an die Wand gedrückt (die Plattform ist etwa 2m breit) zentimeterweise fortbewegen und danach minutenlang vor der steil abfallenden Leiter (knapp 60m) verharren, bevor sie sich an den Abstieg wagen, für welchen Sie schliesslich im Klammeraffen-Style eine weitere Ewigkeit brauchen während deren der Abstieg natürlich für andere blockiert ist. Nid dass ig müesst.

Mehr aus Flores und Umgebung gibt’s in bälde.

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